… liegt 150 Jahre zurück. Ist ein solch lange vergangenes Ereignis heute noch von Interesse? Immerhin stolpert man in deutschen Städten immer wieder über Gedenksteine und sieht Straßennamen, die an die deutschen Siege im „70er Krieg“ erinnern. In keiner größeren deutschen Stadt fehlen bis heute die Sedan-, Wörth-, Metz- oder Weißenburgstraßen.

In Berlin gibt es zusätzlich eine Spichernstraße und eine gleichnamige U-Bahnstation. Spicheren ist eine französische Gemeinde mit heute 3225 Einwohnern im Département Moselle. Sie liegt direkt an der deutsch-französischen Grenze, 10 km von Saarbrücken entfernt. Am 6. August 1870 gelang es deutschen Truppen, die Franzosen von den Spicherner Höhen zu vertreiben. Es war ein grauenhaftes Gemetzel; wie im Rausch schossen die Gegner erst auf einander und bohrten sich dann im Nahkampf die Bajonette in die Leiber. Am Ende nur eines Nachmittags gab es auf deutscher Seite 5000 Tote, Verwundete und Vermisste, auf französischer Seite 2000. 2000 französische Soldaten wurden gefangen genommen. Genauso grausam ging es in den anderen Schlachten zu, die im August 1870 an der französischen Ost- und Nordgrenze geführt wurden: Weißenburg, Wörth, Metz. Die riesigen Verluste waren selbst der deutschen Führung unheimlich. König Wilhelm von Preußen schrieb in einem Tagesbefehl, man möge in Zukunft „dieselben Erfolge mit geringeren Opfern erreichen“.

Auf französischer Seite wirkte die deutsche Artillerie verheerend, die mit ihren Krupp-Geschützen den französischen Kanonen überlegen war. Dagegen hatte die französische Armee die besseren Gewehre. Sie trafen über 1200 m tödlich, die deutschen hatten nur die halbe Reichweite. Zum ersten Mal wurden die Soldaten mit der Eisenbahn an die Front gefahren. Der 70er Krieg war der erste industrielle Krieg, fabrikmäßig geplant, vorbereitet und geführt. Menschen wurden zu Material und von technokratischen Generalstäben „verheizt“, die sich gleichwohl vormodernen Ehrbegriffen verpflichtet fühlten.

Einige Historiker sind der Überzeugung, dass der Krieg gegen Napoleon III. und sein korruptes System unvermeidlich war, vor allem da in Deutschland die Vereinigung auf der Tagesordnung stand, die die französische Seite zu verhindern suchte. Aber ob die deutsche Vereinigung wirklich nur durch Krieg zu erreichen war, ist doch fraglich. Darüber müsste man erneut diskutieren.

Viele Fachleute sind sich aber einig, dass die Deutschen nach der katastrophalen Niederlage der französischen Armee bei Sedan mit Frankreich einen milden, ehrenvollen Frieden hätten abschließen müssen. Zwei Tage danach, am 4. September 1870, wurde in Paris die Absetzung Napoleons III verkündet und die Republik ausgerufen. Deren Vertreter, Jules Favre, bot Bismarck Mitte September an, den Krieg zu beenden und 5 Milliarden Francs Kriegsentschädigung zu zahlen. Bismarck forderte jedoch zusätzlich die Abtretung von Elsaß und Lothringen, obwohl die Bevölkerung der beiden Regionen nicht zu Deutschland gehören wollte. Dem konnte Favre nicht zustimmen und der Krieg ging noch ein halbes Jahr weiter, mit hohen Verlusten jetzt auch unter der Zivilbevölkerung und wurde dann teilweise als Volks- und Guerillakrieg gegen die deutschen Eindringlinge geführt.

Schließlich musste sich Frankreich geschlagen geben und Elsaß-Lothringen an das noch während des Krieges im Versailler Spiegelsaal gegründete Deutsche Kaiserreich abtreten.

Der Friede von Frankfurt, in dem die Gebietsverluste Frankreichs und eine Reparation von 5 Milliarden Goldfranken festgelegt wurden, vergiftete das deutsch-französische Verhältnis für lange Zeit. Der Verlust von Elsaß-Lothringen schmerzte die Franzosen und war eine Ursache für den ersten Weltkrieg und in dessen Folge auch für den zweiten.


Ralf Kröner

 

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